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Hans Rott - Sinfonie Nr.1 E-Dur

HANS ROTT(1858 –1884 )

S i n f o n i e N r. 1 E - D u r

Philharmonisches Orchester des Staatstheaters Mainz
Dirigiert von / conducted by Catherine Rückwardt

Alla breve 9 :19
Sehr langsam 10 :56
Frisch und lebhaft 12 :48
Sehr langsam – belebt 23 :11


Geniewurf eines Zwanzigjährigen



Über dem Leben Hans Rotts wehte der Hauch des Tragischen. Musikhistorisch gesehen ist sein Platz zwischen dem Dreigestirn Wagner-Bruckner-Mahler derjenige eines Wegbereiters. Als er sich anschickte, über die genialischen Anfänge hinauszuwachsen, forderte die fatale Nachbarschaft von Genie und Wahnsinn in ihm einmal mehr ein Opfer, das sie zwischen ihren Mühlen zerreiben konnte. Hans Rott war gläubiger Katholik und mit seiner Heimatstadt Wien mental derartig verbunden, dass die Aussicht, sie auf längere Zeit verlassen zu müssen, eine tiefe seelische Verstörung in ihm heraufbeschwor.



Eines der wohl nachhaltigsten Erlebnisse seines jungen Lebens bescherte ihm der Wagner-Verein.Als einer von dreißig Auserwählten durfte er 1876 zu den ersten Festspielen nach Bayreuth reisen, um den gesamten „Ring des Nibelungen“ – per Freikarte – an vier Abenden hintereinander zu sehen.

Hans Rotts Vater, Carl Mathias Rott, war Gesangskomiker volkstümlicher Prägung. Er heiratete 1862 in zweiter Ehe die 21jährige Maria Rosalia Lutz, die ihm bereits 1858 einen Sohn – Hans – geboren hatte (sein Halbbruder Karl, geb. 1860, stammte von einem anderen Vater). Nachdem die Eltern 1872/76 gestorben waren, wurde die Not für beide Söhne groß. Hans, damals 18, hatte bereits die Erste öffentliche Höhere Handelsschule besucht und mit Erfolg abgeschlossen; er war durchdrungen von der Berufung, Musiker und Komponist zu werden. Mithilfe eines Stipendiums begann er am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde zu studieren: Klavier bei Leopold Landskron, Harmonielehre bei Hermann Grädener, Komposition bei Franz Krenn und – mit größtem Eifer – Orgel bei Anton Bruckner.

Seit 1876 war Hans Rott als Mitglied des Josefstädter Kirchenmusikvereins in mehreren Kirchen als Organist tätig. Nach erfolgreichem Studienabschluss besuchte er eine Aufbauklasse bei Franz Krenn, die auf einen Kompositionswettbewerb vorbereitete. Seine Kommilitonen waren Mathilde von Kralik, Rudolf Krzyzanowski, Gustav Mahler, Rudolf Pichler, Katharina Haus und Ernst Ludwig. Alle eingereichten Arbeiten erhielten im Juli 1878 erste und zweite Preise, nur Hans Rotts Werk ging ohne Auszeichnung aus dem Wettbewerb hervor: der spätere erste Satz der E-Dur-Sinfonie. Bruckners Biograph Carl Hruby berichtet, nach der Aufführung von Hans’ Werk hätte sich in der Prüfungskommission höhnisches Gelächter breit gemacht, woraufhin Bruckner aufgestanden sei und gerufen hätte: „Lachen Sie nicht, meine Herren, von dem Manne werden Sie noch Großes hören!“ 1877 bekam Hans Rott eine Festanstellung als Organist im Kloster der Piaristen, die ihm zwar Kost und Logis stellten, darüber hinaus aber kaum ausreichend entlohnten.

1879 entzündete die jüngere Schwester seines Freundes Friedrich Löhr, Louise, kaum 16 Jahre alt, sein Herz. Die Hoffnung, sie einst heiraten zu können, bestärkte ihn im Vorhaben, sich um eine besser dotierte Stelle als Kapellmeister oder Organist zu bemühen. Das einzig passable Angebot kam aus dem elsässischen Mülhausen (Mulhouse), eine Stelle als Musikdirektor der Chorvereinigung Concordia der Association des Chanteurs Alsaciens. Gleichwohl setzte Rott alle Hebel in Bewegung, um einen „Wink des Schicksals“ heraufzubeschwören, der ihm Anlass böte, in Wien zu verbleiben. Mit seiner E-Dur- Sinfonie bewarb er sich um das Staatsstipendium für Musiker und besuchte die Mitglieder der Preiskommission, um sie ihnen vorzuspielen: Karl Goldmark, Eduard Hans-lick und Johannes Brahms. Besonders der Besuch bei Brahms am 17. September 1880 geriet zu einem Desaster. Brahms und Wagner waren schärfste usikalische Kontrahenten, der Streit zwischen ihnen beherrschte die Fachliteratur und im musiksensitiven Wien gar das Stadtgespräch. Ein Schüler des Wagner-Anhängers Anton Bruckner musste bei Brahms notwendig schlechte Karten haben. Brahms lehnte Rotts Anliegen in schroffer Weise ab und warf ihm vor, in seiner Sinfonie zuviel Fremdes plagiiert zu haben. Dies traf Rott vernichtend und floss in seinen später ausbrechenden Verfolgungswahn mit ein. Auch
der Versuch, das Werk durch den verehrten Wagner-Dirigenten Hans Richter mit den Wiener Philharmonikern aufführen zu lassen, schlug fehl und bot Rott keine Ausflucht vor der gefürchteten Reise nach Mulhouse. Er trat sie am 21. oder 22. Oktober 1880 an, um den Saisonbeginn am 1. November in Mülhausen zu ermöglichen, doch kam er nicht weit: Im Zug nach München zwang er einen Mitreisenden unter vorgehaltener Pistole, vom Rauchen abzulassen, im Glauben, der übermächtige Brahms hätte den Waggon mit Dynamit präpariert. Sanitäter brachten Rott am 23. Oktober in geistiger Umnachtung nach Wien zurück. Man konstatierte Verfolgungswahn und halluzinatorischen Irrsinn und überführte ihn am 16. Februar 1881 in die Niederösterreichische Landes-Irrenanstalt in der Lazarettgasse im IX. Wiener Gemeindebezirk. Bevor er nach dreieinhalb Jahren – am 25. Juni 1884 – mit knapp 26 Jahren an Tuberkulose starb, hatte er wahrscheinlich nur noch wenige lichte Momente.

Sein überschaubares OEuvre umfasst neben der ersten das Fragment einer zweiten Sinfonie, einige Lieder und geistliche Chorwerke, die Sinfonie As-Dur für Streichorchester und das Streichquartett c-moll, Orchestersuiten und -vorspiele (zu „Hamlet“ und „Julius Cäsar“, außerdem das relativ bekannte „Pastorale Vorspiel“) sowie Fragmente
weiterer Streichquartette, Klaviertrios und Klavierstücke. Wie sein kurzes Leben tragen auch die meisten seiner Werke den Charakter des „nur angefangenen“.

Den ersten Hinweis auf die E-Dur-Sinfonie gab Hans Rott seinem Freund Heinrich Krzyzanowski am 6. Mai 1878 in einem Brief. Darin sprach er bereits davon, eine Sinfonie beim Wettbewerb einzureichen, der die Kompositionsklasse von Franz Krenn im Sommer d.J. abschließen sollte. Trotz des vernichtenden Resultats – der vorgelegte erste Satz fiel als einziges Werk beim Wettbewerb durch – arbeitete Rott die Sinfonie im Sommer und Herbst des Jahres 1879 aus. Vermutlich war der Klavierauszug Ende Oktober 1879 vollendet. Die Instrumentierung sowie die Übertragung in Stimmen unternahm Rott mit einem konkreten Ziel vor Augen: Er wollte sich um das „Staatsstipendium“ bewerben, das jedes Jahr vom Österreichischen Unterrichtsministerium vergeben wurde, außerdem plante er, die
Sinfonie und das „Pastorale Vorspiel“ zum „Beethoven-Concurs“ einzureichen. Obwohl Rott seine ganze Energie investierte, um den verehrten Dirigenten Hans Richter zu einer Aufführung zu bewegen, kam eine solche zu Rotts Lebzeiten nicht zustande. Auch Gustav Mahler, dessen Urteil das Werk um 1900 – gewissermaßen posthum- adelte, ließ die Gelegenheit verstreichen, das Werk aus der Taufe zu heben – beispielsweise in seiner Funktion als Hofoperndirektor bzw. Chefdirigent der Wiener Philharmoniker. So kam es, dass erst der Musikwissenschaftler Paul Banks das Werk Ende der 1980er Jahre aus dem Dornröschenschlaf in der Österreichischen Nationalbibliothek erweckte und die Uraufführung ermöglichte, die am 4. März 1989 mit dem Philadelphia Orchestra in Cincinnati stattfand.

Die Reaktion der Musikforscher war enorm. Man erkannte in Rott einen wichtigen Wegbereiter für das symphonische Werk Gustav Mahlers; konkrete Bezüge finden sich in dessen zweiter, dritter und fünfter Sinfonie. Mittlerweile liegen Publikationen vor, die den Umfang dieses Einflusses im Detail dokumentieren.

Frank Litterscheid hat seiner ausführlichen Analyse der E-Dur-Sinfonie (erschienen in „Hans Rott – Der Begründer der neuen Symphonie“, Reihe „Musik-Konzepte“, hg. Von Helmuth Kreysing, Heinz-Klaus Metzger u.a., München 1999) einige Beobachtungen vorangestellt, die hier frei wiedergegeben seien: Die vier Sätze wachsen in puncto Länge und Komplexität kontinuierlich, der Begriff „Final-Sinfonie“ kennzeichnet diese Entwicklung. Rott vernetzte seine vier Sätze in zeittypischer Weise. Das grundlegende zyklische Material erklingt gleich zu Beginn des ersten Satzes im Hauptmotiv, das sich als Leitthema der gesamten Sinfonie entpuppt. Man kann sogar ein charakteristisches Intervall benennen, das sich seinen Weg markant durch das Werk bahnt: die aufsteigende Quarte. Rotts Vernetzung funktioniert über die Ambivalenz seiner Anfangs- und Schlusswendungen: sie weisen in gleicher Weise voraus und zurück. Der erste Satz diene, so Litterscheid, als „Exposition“ und werde im Sinne einer „Reprise“ im Finale wieder aufgenommen, welches mithin zum Werkanfang zurückführe. Ebenfalls durchgehend ließe sich beobachten, dass die Tonarten E-Dur, As-Dur und C-Dur sowohl gliedernde als auch thematische Funktion hätten. Analog zu Bruckners Sinfonien macht sich eine Verwandtschaft zur Orgel bemerkbar: Die oft stufenweise oder chromatisch geführten Bassstimmen zeugen ebenso davon wie die mehrfache Verwendung des Choralidioms. Zwischen hymnischer Größe und kammermusikalischer Reduktion der Instrumentierung changiert der Adagio-Satz wohlausgewogen; weit ausschwingende Spannungsbögen führen teils durch erhebliche Dissonanzen zu einer atemberaubenden Klimax, die dramatisch abbricht; in das ppppp liegender Töne erklingt wie als Erlösung ein zarter Choral.

Das Scherzo hat gewaltige Ausmaße und bezeugt mit den ersten Tönen die Vormundschaft Mahlerscher Pendants. Der grob schreitende Rhythmus und die einfache Melodieführung stehen dafür wie auch der zarte Ländler, der etwas später anklingt. Auch Rott beherrschte die Kunst, das scheinbar Banale in metrische Unschärfe zu bringen und kontrapunktisch zu zerpflücken, ohne dem Ganzen seinen parodistischen, fast schon grotesken Charakter zu nehmen. Der Finalsatz weist gegenüber dem ersten einen deutlichen Reifeprozess auf. Die sich erst langsam entfaltende Einleitung zitiert Passagen aus dem Scherzo und dem Adagio. Beethovens neunte Sinfonie darf hierfür als Vorbild wohl in Anschlag gebracht werden, wenn auch die Reihenfolge geändert ist. Markant erklingt eine periodische Streicherweise, die allzu sehr an den Parallelsatz aus Brahms’ erster Sinfonie gemahnt. Rott wurde sich in einem lichten Moment seiner letzten Jahre bewusst, dass dies mit ein Grund für die ablehnende Haltung des Gutachters Brahms gewesen sein könnte. Ob Plagiat oder Parodie – eines wäre schlimmer als das andere gewesen. Litterscheid verweist auch für dieses Thema
auf Beethovens Neunte als mögliches Vorbild. In erster Linie führt er aber den Beweis der Verwandtschaft mit dem Hauptthema des ersten Satzes bei Rott selbst. Dies Prinzip gilt auch für weitere vermeintliche Zitate, etwa aus Wagnerschen Opern: Wohl mögen sie Pate gestanden haben, doch die Gesamtkonzeption Rotts ist eine gänzlich eigene und es wird plötzlich evident, was Mahler mit dem Wort meinte, es sei, als „wenn einer zu weitestem Wurfe ausholt und, noch ungeschickt, nicht völlig ans Ziel hintrifft“. - Jón Philipp von Linden

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